🌀 Kliodynamik
Wie große historische Imperien durch den Mechanismus der mehrstufigen Selektion entstehen und zerfallen — nach Peter Walentinowitsch Turchin. Zwei Fragen führen zu einer von zwölf Stufen, geordnet nach dem Stand der Selektionsbilanz Δp = βG·VG + βI·VI. Jede Stufe nennt Eintrittsbedingungen und Vorgänger, den Verlauf, Austrittsbedingungen und Nachfolger, die Rollen, die sie führen, und die Lage von Bevölkerung, Eliten, Staat und Gegen-Eliten — mit Kennzahlenkurven, Übergangsbild und einem Navigationsbild aller Stufen. Zitate wörtlich mit Belegstelle. Alles im Browser, nichts wird übertragen.
Navigationsbild: alle zwölf Stufen
Die Stufen bilden keinen Baum, sondern einen Kreis mit Ein- und Ausgängen. Die Reichsbildung (1–5) wird einmal durchlaufen; der säkulare Zyklus (6–11) wiederholt sich; Stufe 12 ist der Ausgang, den die Zyklustheorie nicht vorsieht. Jede Stufe ist anklickbar und tastaturbedienbar.
Die Fälle stehen an der gewählten Stufe und an ihren Nachbarn — alle zwölf gleichzeitig würden das Bild überfüllen. Ohne Auswahl zeigt das Bild nur die Struktur.
Als Gliederung
Dieselbe Struktur zum Lesen, Ausdrucken und für Vorlesewerkzeuge.
Die Kennzahlen über den ganzen Lauf
Die vier Bestandteile der strukturell-demographischen Theorie — Bevölkerung, Eliten, Staat und Instabilität — plus die Asabiya aus der Reichsbildungstheorie. Qualitative Richtungen, keine Messwerte (siehe „Grundlage & Grenzen“).
Was die Kennzahlen messen
Die Werte als Tabelle
Dieselben Angaben wie im Bild — für Ausdruck, Vorlesewerkzeuge und für den Fall, dass Farben nicht unterscheidbar sind. Die Werte sind qualitative Richtungen auf einer Skala von 0 bis 100, keine Messwerte.
Eigene Einordnungen
Ein Fall, eine Stufe, eine Begründung — und die Belegstelle, an der Du Dich nachprüfen lassen willst. Alles bleibt in diesem Browser (localStorage), nichts wird übertragen.
Der Mechanismus: mehrstufige Selektion
Turchins Erklärung für große Reiche kommt nicht aus der Politik, sondern aus der Evolutionstheorie. Der Kern ist die Price-Gleichung, die die Veränderung eines Merkmals in zwei Beiträge zerlegt — einen zwischen den Gruppen und einen innerhalb der Gruppen:
Δp = βG·VG + βI·VI
VG ist die Verschiedenheit zwischen den Gruppen, VI die innerhalb der Gruppen; βG und βI messen, wie stark auf jeder Ebene selektiert wird. Für ein Merkmal, das der Gruppe nützt und den Einzelnen etwas kostet, gilt per Definition βG > 0 und βI < 0: der erste Beitrag ist positiv, der zweite negativ. Zusammenarbeit breitet sich also genau dann aus, wenn
VG / VI > −βI / βG
Daraus folgt Turchins ganze Reichsgeschichte in einem Satz — und zwar wörtlich:
„Large states should arise in regions where culturally very different people are in contact, and where interpolity competition – warfare – is particularly intense.“
Große Staaten müssten dort entstehen, wo kulturell sehr verschiedene Menschen in Kontakt stehen und wo der Wettbewerb zwischen den Gemeinwesen — Krieg — besonders heftig ist.
Peter Turchin: Warfare and the Evolution of Social Complexity: A Multilevel-Selection Approach, Structure and Dynamics 4(3), 2010, Zusammenfassung. Volltext
„Kulturell sehr verschieden“ macht VG groß, „besonders heftiger Krieg“ macht βG groß. Beides zusammen ist die metaethnische Grenze — und in ihrer härtesten Form, wo zusätzlich Nomaden und Bauern aufeinandertreffen, die Steppengrenze. Turchins empirische Prüfung ergibt, dass über 90 % der größten historischen Reiche in Weltgegenden entstanden, die als Steppengrenze eingeordnet sind.
Was die Gruppe dabei gewinnt, nennt Turchin mit Ibn Khalduns Wort Asabiya — ausdrücklich keine Empfindung, sondern eine Fähigkeit:
„I decided to settle on asabiya as the term for the central concept in the theory that is developed: the group’s capacity for collective action.“
Ich habe mich für Asabiya als Begriff für den zentralen Gedanken der hier entwickelten Theorie entschieden: die Fähigkeit der Gruppe zu gemeinsamem Handeln.
Peter Turchin: Historical Dynamics. Why States Rise and Fall, Princeton University Press 2003, Kap. 3.2.
Weil Asabiya je Ebene existiert, ist der Zusammenhalt eines Reiches keine Eigenschaft, sondern ein Kräfteverhältnis. Turchin gibt dafür Ibn Khalduns Bedingung wieder: damit ein Verband der höheren Ebene nicht auseinanderfällt, muss seine Asabiya stärker sein als die Asabiyas der niedrigeren Ebenen zusammengenommen. Genau das ist die mehrstufige Selektion als Herrschaftsproblem — und der Grund, warum der Zerfall eines Reiches nicht Schwäche nach außen, sondern Stärke der Teile nach innen bedeutet.
Der zweite Teil der Theorie, die strukturell-demographische Theorie, beschreibt dann, was mit einem Reich geschieht, das keinen Feind mehr hat. Sie zerlegt die Gesellschaft in vier Bestandteile — Bevölkerung, Eliten, Staat und, als Verlaufsgröße, die Instabilität — und misst den Druck auf Instabilität mit dem Political Stress Indicator:
Ψ = MMP × EMP × SFD
MMP (Mass Mobilization Potential) aus umgekehrtem Reallohn, Verstädterung und dem Anteil der 20- bis 29-Jährigen; EMP (Elite Mobilization Potential) aus umgekehrtem relativen Eliteneinkommen und der Elitenzahl je Stelle; SFD (State Fiscal Distress) aus Staatsschuld im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt und dem Misstrauen in die Einrichtungen des Staates. Die drei Faktoren werden multipliziert, nicht addiert — deshalb kippt die Lage, wenn alle drei gleichzeitig steigen, und nicht schon, wenn einer hoch ist.
Belegstelle: Peter Turchin: Modeling Social Pressures Toward Political Instability, Cliodynamics 4(2), 2013, S. 245–247. Volltext
Wie weit die historischen Beispiele belegt sind
Jedes Beispiel im Werkzeug trägt eine Marke. Die Versuchung, Geschichte zur Theorie passend zu erzählen, ist bei Zyklusmodellen besonders groß — deshalb ist hier getrennt ausgewiesen, was aus dem Primärtext stammt und was Zuordnung dieses Werkzeugs ist.
Zu den Phasendatierungen: Turchin und Nefedov datieren in „Secular Cycles“ die Phasen ihrer acht Fallstudien jahrgenau. Diese Tabellen sind nicht frei zugänglich und stehen deshalb nicht in diesem Werkzeug. Wo hier Jahre genannt sind, sind es gängige historische Daten — keine Phasengrenzen der Autoren.
Grenzen — und der Vorbehalt gegen dieses Werkzeug
Ein Werkzeug, das eine Lage in eine Stufe einordnet, muss zuerst sagen, was daran nicht trägt. Die folgenden Punkte stehen deshalb nicht im Kleingedruckten.
Quellen
Wörtliche Zitate stehen englisch im Original; die deutschen Fassungen sind eigene Arbeitsübersetzungen und an jeder Stelle als solche gekennzeichnet. Der Bestand — zwölf Stufen mit allen Feldern, die Kennzahlenverläufe und die Vorbehalte — liegt offen in stufen.py und wird von erzeugen.py in diese Datei gestempelt.